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Ein Bagger des einst größten Industrieunternehmens in Ottensen, Menck & Hambrock steht heute am ehemaligen Werksgelände von Werk 1, Ecke Nöltingstraße/ Am Born.



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NS-Geschichte

Das Stadtteilarchiv Ottensen initiierte 1983 ein Projekt zum Nationalsozialismus und zur Nachkriegszeit in Altona und Ottensen. Mit dem Buch „Ohne uns hätten sie das gar nicht machen können“ wurde, wie es im Vorwort heißt diese bisher unerforschte Zeit in der Lokalgeschichte des Stadtteils ergründet. Das Buch ist längst vergriffen, auf dem Stand des damaligen Forschungsansatzes ist diese Publikation aber auch heute noch eine wichtige und oft genutzte Quelle in unserer Bibliothek.

siehe auch unter Links: Digitale Bibliothek  www.stadtteilgeschichten.net
dort sind unter Archive & Sammlungen bei Ottensen die Titel, bei Eingabe des Suchbegriffs: Nationalsozialismus, aus der Bibliothek des Stadtteilarchivs Ottensen zu finden.

Stadtteilarchiv Ottensen VSA-Verlag
„Ohne uns hätten sie das gar nicht machen können...“
Nazi-Zeit und Nachkrieg in Altona und Ottensen
Hamburg 1985

 

Inhalt

Kommunalpolitische Entwicklungen in
Altona von Weimar zum Dritten Reich

von Anthony McElligott

„Wir stehen hier nicht als Gäste“ Nazis, Herrschaft und Bevölkerung in Altona von Weimar bis 1937

von Anthony McElligott

„Warum haben wir uns denn damals nicht entsetzt?“
Drei Altonaer Frauen erinnern sich

von Gabriele Brockmann

Verweigerung — Opposition Widerstand
Einblick in das Leben dreier Nicht-Faschisten

von Ursula Prückner und Axel Waldhier

Ein verdrängtes Kapitel
Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in der Metallindustrie

von Hans-Kai Möller

„...Bauarbeiten, bei denen beinahe kaum ein Stein auf dem anderen belassen werden kann“
Zur Elbuferplanung Konstanty Gutschows

von Elisabeth v. Dücker

„Erinnerungen an Altona im Zweiten Weltkrieg“

von der Schülerprojektgruppe der Gesamtschule Altona (1982/83)

„...dann kam das vorläufige Ende...“
Zur „Gleichschaltung“ Altonaer und Ottensener Vereine

von Brigitte Abramowski

Die Juden in Altona sind längst vergessen

von Jens-Peter Finkhäuser und Evelyn Iwersen

Brauner Straßenterror im roten Altona!
Kurze Chronologie des Altonaer Blutsonntags

von Hans-Kai Möller

„Ein neuer Name für unsere Schule?“

von der Schülerprojektgruppe der Gesamtschule Altona (1984/85)

Zwischen Hunger und Hoffnung
Nachkriegsalltag und Politik in Altona

von Inge Döll-Krämer, Gerd Krämer und Andreas Rieckhof

Bruno-Tesch-Platz

der Ausschuss für Kultur und Bildung der Bezirksversammlung Altona und das Stadtteilarchiv Ottensen haben im Rahmen einer kleinen Feier am 17. Juli 2008, um 11.00 Uhr den Bruno-Tesch-Platz im Straßenwinkel zwischen Große Bergstraße und Jessenstraße eingeweiht.

In Altona waren bisher, nah beieinander im Gebiet der Ereignisse des "Altonaer Blutsonntags" liegend, vier öffentliche Orte zum Gedenken an die ersten vier Justizopfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft benannt:
der August-Lütgens-Park,
der Walter-Möller-Park,
die Karl-Wolff-Straße und
die ehemalige Bruno-Tesch-Gesamtschule.
Foto: Einweihung des Bruno-Tesch-Platzes am 17. Juli 2008

Bruno Tesch

Der jüngste der vier zum Tode Verurteilten war mit gerade 20 Jahren Bruno Tesch.

Bruno Guido Camillo Tesch wurde 1913 in Kiel als Sohn einer italienischen Mutter geboren. Seinen leiblichen Vater hatte er nicht kennengelernt, weil er im Ersten Weltkrieg gestorben war. Von seinem 7. bis 12. Lebensjahr lebte er bei seinen Großeltern in Fiume (dem heute kroatischen Rijeka).

Nachdem seine Mutter Virginia sich mit Herrmann Tesch, Arbeiter und Betriebsratsmitglied bei den Altonaer Gaswerken, verheiratet hatte, kam der 12jährige Bruno nach Altona. Sein Stiefvater nahm ihn wie einen eigenen Sohn auf und gab ihm seinen Namen. Die vierköpfige Familie - Bruno hatte noch eine Schwester - wohnte in der Schauenburgerstraße 34, der heutigen Schomburgstraße. Zur Schule ging er in der Thedestraße.

16jährig begann Bruno Tesch 1929 eine Klempnerlehre; Berufsschulunterricht erhielt er in der Gewerbeschule Altona in der Museumstraße. 1932, als er nach seiner mit "Gut" bestandenen Gesellenprüfung arbeitslos war, wie viele andere damals auch, sah er sich gezwungen, am "Freiwilligen Arbeitsdienst" teilzunehmen.

Während der Lehrzeit war Bruno Teschs gesellschaftspolitisches Engagement erwacht. 1930 trat er der sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei, der Jugendorganisation der SPD. Ein Jahr später wurde er Mitglied im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB). Im selben Jahr 1931 verließ er aus Enttäuschung über die Rüstungspolitik der SPD die SAJ und schloss sich dem KJVD, dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, an.

Mehr als bei der Sozialistischen Arbeiterjugend stand bei dem Kommunistischen Jugendverband die Arbeit für gesellschaftspolitische Veränderungen im Vordergrund. Neben der Erziehung zum Frieden konzentrierte sich die politische Arbeit immer stärker auf zwei Schwerpunkte, auf die Forderungen zur Arbeitsbeschaffung für die erwerbslose Jugend und den Abwehrkampf gegen die gerade in den Arbeitervierteln Altonas immer häufiger werdenden Überfälle nationalsozialistischer Schlägertrupps.

Bruno Tesch lebte mithin in einer Zeit der ständigen, oft tätlichen Auseinandersetzungen, zum Teil mit SA-Mitgliedern, die gleichzeitig Arbeitskollegen im "Freiwilligen Arbeitsdienst" waren. Er bezog Position, setzte sich ein, wehrte sich. Er war im Viertel bekannt und beliebt, aber auch angefeindet.

Am Altonaer Blutsonntag, heute vor 76 Jahren, war Bruno Tesch natürlich auch auf der Straße, um den Provokationszug der Nazis anzusehen und, im Gegensatz zu vielen anderen, die den Stadtteil verlassen hatten, Position zu beziehen. Was dann geschah, soll im einzelnen nicht wiedergegeben werden. Wegen einer verbarrikadierten Straße mussten die Nazis ihre Route ändern, was zu einem Chaos führte. Gleichzeitig gingen Nazis aus dem Zug dazu über, am Rande stehende Bewohner anzugreifen; auch Bruno Tesch wurde überfallen. Schüsse fielen.

In dieser Situation, so später das Gericht, habe auch Bruno Tesch geschossen. Ein glaubwürdiger Beweis dafür wurde nie erbracht. Augenzeugen bescheinigten ihm für genau diesen Zeitpunkt ein Alibi.

Bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 verurteilte ein im Gerichtsgebäude an der Allee eigens dafür geschaffenes Sondergericht Bruno Tesch und drei weitere Angeklagte, die in Altona als Gegner der Nazis bekannt waren, aufgrund von falschen Zeugenaussagen und gefälschtem Beweismaterial zum Tode wegen angeblich "gemeinschaftlichen Mordes" an den beiden am Blutsonntag erschossenen SA-Männern. Zwei Monate später wurden die Urteile durch Hinrichtung mit dem Handbeil im Gefängnishof hinter dem Gerichtsgebäude vollstreckt.

Trotz ungünstiger Lebenserfahrungen, darunter Sprachschwierigkeiten in der ersten Schulzeit und Arbeitslosigkeit nach abgeschlossener Ausbildung, war Bruno Tesch ein selbstbewusster, leistungswilliger junger Mensch, politisch wach und einsatzbereit, sozial engagiert und von ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Er nutzte die ihm eigene Stärke zum Schutz von Schwächeren, engagierte sich aktiv gegen Aufrüstung und aufkommenden Nationalsozialismus. Dafür ehren und achten wir ihn heute. Gleichzeitig denken wir daran, dass die vier Hingerichteten die allerersten von unendlich vielen weiteren Todesopfern durch Unrechtsurteile während der Nazi-Herrschaft waren.

Bald nach dem Ende der Nazi-Herrschaft 1945 gab es einzelne - erfolglose - Versuche, vor allem seitens der VVN, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die vier am 1. August 1933 Hingerichteten zu rehabilitieren. Erst 40 Jahre später, Anfang der 80er Jahre, gelang es Altonaer und Hamburger Politikerinnen und Politikern, Historikerinnen und Historikern, Juristinnen und Juristen und anderen interessierten Personen sowie verschiedenen Initiativen und Vereinen, darunter das Stadtteilarchiv Ottensen, die Debatte auf breiter Basis neu zu entfachen.

Mit Erfolg: In Altona-Altstadt, dem Ort des Geschehens am Blutsonntag, wurden relativ schnell drei der Verurteilten geehrt als Namensgeber für den August-Lütgens-Park, den Walter-Möller-Park und die Karl-Wolff-Straße. Da nach Bruno Tesch eine Schule, die Gesamtschule Altona, benannt werden sollte, bedurfte es hier natürlich eines längeren Informations- und Diskussionsprozesses. Unter anderem erarbeitete ein Wahlpflichtkurs Geschichte Jahrgang 10 eine Ausstellung zur Information der Schulöffentlichkeit über den Blutsonntag und Bruno Tesch, und die Lehrerin Maryn Stucken schrieb ein Theaterstück "An einem Sonntag in Altona", das sie mit ihrer Klasse mehrmals mit großem Erfolg aufführte. Im Frühjahr 1987 erhielt die bisherige Gesamtschule Altona dann ihren neuen Namen: Bruno-Tesch-Geamtschule.

Auf Initiative  der Freien und Hansestadt Hamburg beschloss der Bundestag im Mai 1990 das "Gesetz zur Beseitigung nationalsozialistischer Unrechtsurteile". Zweieinhalb Jahre später, im November 1992, hob das Landgericht Hamburg die vier Todesurteile auf.

2002, bald nach Bekanntwerden der Pläne zur Schließung der Bruno-Tesch-Gesamtschule, haben sich Kulturausschuss und Stadtteilarchiv Ottensen gemeinsam dafür eingesetzt, den Namen "Bruno Tesch" in Altona nicht verloren gehen zu lassen. Die vier Verurteilten vom Altonaer Blutsonntag gehören schicksalhaft zusammen. Es konnte nicht angängig sein, durch zufällige Umstände drei von ihnen durch Namensgebung weiterhin zu ehren und einen vierten, willkürlich, dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Die Bemühungen führten zum Ziel. Heute können wir hier gemeinsam das Namensschild "Bruno-Tesch-Platz" offiziell enthüllen.

Dr. Wolfgang Hinnenberg - Stadtteilarchiv Ottensen